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In seiner Freizeit geht er ins Hospiz

In seiner Freizeit geht er ins Hospiz: Röbi Peter begleitet Menschen auf ihrem letzten Weg

Röbi Peter aus Gebenstorf arbeitet nebenberuflich und ehrenamtlich als Sterbebegleiter im Hospiz Stationär in Brugg.
Der Gebenstorfer Röbi Peter (54) engagiert sich neben seinem 100-Prozent-Job ehrenamtlich als Sterbebegleiter in Brugg. Das Hospiz Aargau sucht noch weitere Freiwillige.
Samstagnachmittag kurz nach dem Mittag im Hospiz Stationär Palliative Care an der Fröhlichstrasse in Brugg: Der Flur mit den farbigen Wänden ist leer. Aus dem Zimmer für die Mitarbeitenden sind Stimmen zu hören. Der Freiwillige Röbi Peter plaudert am Tisch mit einer Pflegefachfrau. Morgens um 7 Uhr hat der gelernte Koch seinen nebenberuflichen Dienst als Sterbebegleiter angetreten.
Nach der Begrüssung der AZ-Redaktorin ist seine Schicht zu Ende. Peter packt seinen Rucksack, meldet sich bei der Verantwortlichen ab und führt die Besucherin für das Fotoshooting zum Hospiz-Wohnzimmer und zur grossen Terrasse, wo ein Patient die Ruhe und das schöne Wetter geniesst. Auf Bitten des Patienten holt Röbi Peter ihm am Nebentisch einen Aschenbecher. Nach dem Fotoshooting verabschiedet sich der 54-Jährige mit einem kräftigen Händedruck und herzlichen Worten vom Patienten. Das Gespräch mit der Redaktorin geht drei Etagen tiefer im Restaurant Süssbach weiter.
«Noch vor drei Jahren wäre es für mich unvorstellbar gewesen, im Hospiz zu arbeiten», sagt Peter mit seiner ruhigen Stimme. Es war vor knapp zwei Jahren, als er sich auf die Suche nach einer neuen Freizeit-Beschäftigung machte, die seine Persönlichkeit herausfordert und festigt. Fündig wurde er auf dem Internet-Portal von Benevol Aargau, der Fachstelle für freiwilliges Engagement. Dort suchte Hospiz Aargau Sterbebegleiter. «Das ist es», sagte er sich und meldete sich in seiner Euphorie zuerst für einen entsprechenden Kurs beim Schweizerischen Roten Kreuz in Aarau an und erst danach beim Hospiz Aargau.
Peter im Hospiz.
Peter im Hospiz.

Schlimmer Badeunfall an der Aare

Warum interessiert ihn der Sterbeprozess plötzlich? Seine erste bewusste Erfahrung mit dem Tod hatte Röbi Peter als 12-Jähriger gemacht. Damals starb sein Nachbar, was ihn anschliessend sehr beschäftigte. Richtiggehend aus der Bahn geworfen wurde der vierfache Familienvater 2005, als sein 20-jähriger Sohn bei einem Badeunfall in der Aare ums Leben kam. Röbi Peter arbeitete damals in einer Kaderposition in einem Restaurant in Zürich. Die Hiobsbotschaft traf ihn aus heiterem Himmel. Bis vor kurzem war er emotional nicht in der Lage, das Grab seines Sohns zu besuchen.
Der normale Gang zum Friedhof gelang ihm erst, nachdem 2012 seine Mutter, zwei Jahre später sein Vater und letztes Jahr sein Schwiegervater sowie weitere Verwandte gestorben waren. Beruflich hat Röbi Peter schon einige Stationen hinter sich. Der gelernte Koch war auch mal selbstständig, liess sich später zum Sozialdiakon ausbilden und wirkte in der beratenden Seelsorge. Seit September 2013 ist er beim christlichen Sozialwerk Hope in Baden angestellt. In seinem 100-Prozent-Pensum arbeitet er heute zur Hälfte als Koch und zur Hälfte als Leiter im Wohnexternat.
Neben seiner Erwerbstätigkeit von Montag bis Freitag engagiert sich Peter nun seit gut einem Jahr alle zwei Wochen am Samstag- oder Sonntagvormittag als Freiwilliger im Hospiz Stationär. «Ich kann diese Einsätze frei planen», sagt der 54-Jährige, der mit seiner Ehefrau in Gebenstorf unmittelbar neben Tochter und Enkelkindern wohnt.
Wenn er – in der Regel um 7 Uhr früh – ins Hospiz kommt, checkt er zuerst die Namen der Patienten auf dem Zimmerplan. Da die Patienten oft nur wenige Wochen im Hospiz verbringen, sieht Peter sie meistens nur ein- oder zweimal. Umso schöner ist es deshalb für ihn, wenn er mit bereits bekannten Patienten beim nächsten Einsatz nochmals ein paar Worte wechseln kann. Grundsätzlich kann er seine Schützlinge aber nicht auswählen. Er hilft dem Pflegepersonal auch mal bei kleinen Umlagerungen und steht dort im Einsatz, wo es ihn braucht.

Überraschende Höhepunkte

Und genau diese immer wieder neuen Begegnungen mit Menschen sind es, die für Röbi Peter diese freiwillige Arbeit so abwechslungsreich machen. Wie immer stellt er sich vor, wenn er ein Zimmer neu betritt. Er setzt sich neben das Bett und versucht herauszufinden, ob der Patient einen Wunsch hat. Auch wenn diese manchmal nicht mehr sprechen können, findet ein Austausch statt. «Man kann nicht nicht kommunizieren. Von dieser Grundregel bin ich überzeugt», betont Peter. Es sind oft kurze Momente wie ein hochgezogener Mundwinkel bei einer halbseitig gelähmten Patientin oder ein überraschendes Danke, die den Höhepunkt eines Einsatzes darstellen können.
«Wichtig ist, dass mich diese Beziehungsarbeit nicht belastet, sondern mir Kraft und die Möglichkeit zur Selbstreflexion geben», sagt Peter. Betet er mit den Patienten? «Wenn das jemand wünscht, mache ich es. Das kommt aber sehr selten vor. Genauso würde ich einen buddhistischen Text vorlesen, wenn das jemand möchte. Als Christ muss ich die Sterbenden nicht auf ihrem Weg beeinflussen, sondern nur begleiten», hält Peter fest.

Die Einsätze fordern ihn heraus

Welche Bilanz zieht er nach einem Jahr Freiwilligenarbeit? Der Koch muss nicht lange überlegen und sagt: «Die Einsätze fordern mich heraus. Heutzutage geht es in der Gesellschaft beim Menschen meist nur noch um die Hülle. Wichtiger ist im Leben jedoch, was eine Person ausmacht und wer sie ist. Im Hospiz kann ich mich vertieft damit auseinandersetzen.» Statt Menschlichkeit primär von anderen zu fordern, müsse man selber lernen, diese aus sich herauszuziehen. Daran will Röbi Peter weiter arbeiten – auch im Hospiz, wo er ein für sich wichtiges Fundament seiner Persönlichkeitsentwicklung aufbauen konnte.

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