Kain schaute zu Abel 1

Wir kennen uns nicht. Auch wenn ich mit einem Menschen mein ganzes Leben verbringe, weiss ich nichts über ihn. Ich kenn die Marotten und Vorlieben, die Wünsche und Pläne, Erfolg und Misserfolg. Aber wer der Mensch neben mir ist, weiss ich nicht.
Was lernen wir kennen, wenn wir einen Menshen kennenlernen? Und wann endet es, uns kennen zu lernen? Warum bleiben wir nicht bis zum Ende neugierig auf den Menschen neben uns? Wieso geben wir uns mit dem zufrieden was wir gerade hören und sehen? Wir schichten diese Begebenheiten wie Schalen übereinander und fabrizieren unsere Sicht auf den andern. Aber ist er oder sie das wirklich? Was verbirgt sich unter den Schichten die ich selber über das unerwartete gelegt habe? Vielleicht aus einer Ahnung von „das möchte ich gar nicht alles so genau wissen"?
Vielleicht gehöre ich zu den Neugierigen und versuche mit Fragen heraus zu finden was und wer der Mensch ist. Doch fördern meine Fragen wirklich das zu Tage an dem ich festmachen kann wer diese Person ist? Ich möchte selber nicht verhört werden um nachher eine Freundschaft oder Liebesbeziehung zu beginnen. Zudem könnten meine Fragen suggestiv sein und die oder der Befragte interpretiert mein Suchen ganz anders als es meiner Intention entspricht. Wieder bin ich fehlgeleitet, wenn ich zum finalen Schluss kommen will „nun kenne ich diesen Menschen".
Und doch, es gibt diese Verdichtung die uns vorgaukelt den anderen Menschen genau zu kennen. Schliesslich sind wir schon x Jahre gemeinsam unterwegs. In der Arbeit, als Freunde oder Nachbarn. Ich weiss doch wie die ticken. Ich kenne meine Pappenheimer. Wirklich?
In all dem was ich sehe und höre, in Bezug auf diesen Menschen, bleibt immer, dass ich die Fakten in mir einer Bewertung unterziehe. Nicht nur „wichtig oder unwichtig". Nicht nur „kann ich brauchen oder nicht". Sondern vor allem „ist das förderlich für meine Persönlichkeit, wachse ich dadurch im Ansehen der anderen Menschen, ist das hilfreich für meine Karriere, und so weiter und so fort. Die Liste ist beliebig lang mit je Mensch eigenen Prioritäten.
Kennen und Erkennen sind zwei verschiedene Schuhe. Kennen wäre so der Strassenschuh, city slipper. Glänzend poliert in originellem Schnitt und Design. Leicht zu tragen und zu er-tragen. Schnell und wenig im leichten Tragekomfort.
Erkennen sind eher Stiefel. Klobiger und wasserdicht. Mindestens bis über die Knöchel oder bis unter die Knie. Noch höher wären dann die Fischerstiefel und wer es ganz genau wissen will, trägt keine Schuhe sondern einen Taucheranzug. Sie merken schon, es geht in die Tiefe.
Ich kenne jemanden schon so lange, aber den wahren Wert erkannte ich erst als Er oder Sie nicht mehr bei mir war. Da stehen wir dann barfuss vor den leeren Schuhen des Freundes. Was bleibt jetzt vom Kennen? Kann ich erkennen wo der Faden abgerissen ist? Wieviel Tiefe konnte sich zwischen uns ausbreiten ohne dass wir uns aus den Augen verloren hätten? Erkenne ich wann ich auf mein schützendes Ufer geflüchtet bin? Erkannte mein Freund meine Angst vor dem tiefen Abgrund zwischen uns? Gelang es eine Brücke zu bauen und die Beziehung weiterleben zu lassen?
Oder erkenne ich, dass meine Angst vor der Tiefe und dem Verlust von mir selbst wenn ich da hinunterstürzte, letztendlich verhinderte tragende Brücken zu bauen? Wir sprechen oft von einem Beziehungsgeflecht in dem wir Menschen leben. Mir scheint es eher ein Stoppelfeld zu sein. Ein Feld auf dem viele Möglichkeiten begannen, aber alle endeten im Nichts. Jeder Stängel gräbt seine Wurzeln tief ins Erdreich und will um jeden Preis daran festhalten. Und oben? Es kommt nicht zur Blüte, es trägt keine Frucht. Alle Kraft ist dazu verwendet worden seinen eigenen Standpunkt zu festigen.
Habe ich gegenüber meinem Freund meinen Standpunkt auch so verfestigt, so dass nichts mehr übrigblieb ausser dem Versuch einer gelingenden Beziehung? Die Frucht wurde von jemand anderem abgeerntet, bevor sie uns beiden zur Nahrung dienen konnte.
Schaute auch mein Freund immer nur darauf, dass er seinen Standpunkt mir gegenüber bahupten konnte? Musste er das? Was habe ich dazu beigetragen? Erkannte ich die drohende Gefahr nicht? Stiess nicht ich ihn in den Abgrund zwischen uns? Wenn er fällt, bleibe ich zurück und kann mich weiter festhalten.
Wie begegne ich meinem Nachbarn? Schaue ich auf ihn oder sind wir auf gleicher Augenhöhe?
Kain erhob sich gegen Abel nachdem er zu ihm schaute und sah, dass Abel wichtiger zu sein schien als er. Kain sprach mit Abel. Aber dieses Gespräch führte nicht zu einem Brückenschlag. Kain liess sich durch den Verlust seiner Wichtigkeit - so seine Sicht - zum Totschlag verführen. Er misstraute jeder Warnung und dachte wohl „ich hab alles richtig erkannt".
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